Wen das stört, der ist selbst dran schuld. 

Bereits am Parkplatz zu den Kapruner Stauseen bekommt der Wiesbachhornaspirant den richtigen Eindruck: Menschenmassen drängen an die Kasse zu den Bushaltestellen, irren unschlüssig oder filmend umher, belagern die farbenfro verklecksten Tische des Restaurant, dessen Preise sich der Nachfrage und der Schwindelnden Höhe umliegender Berge angepasst haben. Wo ein freier Platz, da ein eilfertiger Kellner!

Für gutes Geld bekommt man auch weiterhin etwas geboten: In drei Omnibusse geschlichtet, staunt man sich von Staustufe zu Staustufe höher.
Auf dem Mooserboden stockt die gut organisierte Massenbeförderung.
Wohin?

Während sich die Sommerlich-luftig gekleideten Touristen mit „Ah“ und „Oh“ dem gewaltigen Stauwerk zuwenden, trabt eine kleinere Meute mit Pickel und Steigeisen bewaffneter Rucksackträger in Richtung Aufstieg.

Stets das Heinrich-Schwaiger-Haus vor Augen, zieht sich der Weg doch schier endlos hinauf. Ganz Gewitzte bzw. nicht vom Ehrgeiz besessene Alpinisten lassen ihre Gepäckwolken mit der Materialseilbahn hochschweben. Bergabstürmende erzählen wahre Schauergeschichten über den Platzmangel. Höchst ermutigend! Doch geplant ist geplant. Also Zähne zusammenbeißen und weiter.

Nach zwei Mühsamen Stunden wird man bereits vor der Hütte freundlich begrüßt und freudig erwartet! Von denen, die drinnen keinen Platz mehr fanden. Das sind nicht wenige und es werden ständig mehr, wie die farbigen Punkte auf dem Aufstieg zur Hütte zeigen!
Der angesichts dieser Menschenmassen erstaunlich freundliche Wirt erlärt, er müsse etwa 200 Wiesbachhornanwärter auf die vorhandenen 80 Plätze verteilen. Wie er das schafft?

Gastraum 1 mit 8 Bänken und 2 Tischen ergibt 30 Schlafplätze
Gastraum 2 mit 9 Bänken und 4 Tischen ergibt 50 Schlafplätze
Gastraum 3 mit 6 Bänken und 2 Tischen ergibt 20 Schlafplätze usw.

Alles nur eine Frage der Einteilung. Der Rest wird gleichmäßig auf dem Boden drapiert, unter Tischen und Bänken, auf dm Gang, im Waschraum. Frischluftfanatiker üben Biwak im Freien. Frauen werden bevorzugt auf die wenigen Betten verfrachtet. Es lebe die Emanzipation!

So ist denn auch jeder glücklich und zufrieden.
Bedauerlich nur, dass nicht alle Photokünstler den vom Verkehrsverein bestellten Sonnenuntergang in die Kamera bannen können. 
Warum nicht?

Auf der Terasse werden nur noch Stehplätze in der hintersten Reihe vergeben und während die vorderen Reihen den untergehenden Ball ablichten, verschwindet dieser respektlos hinter dem Kitzsteinhorn. 

Die Nacht bricht herein und mit ihr die vorgeschriebene Hüttenruhe in Form eines Schlummerliedes aus rauhen Männerkehlen. Gegen so einen Gute-Nacht-Song kann ja niemand Einwände erheben, oder?
Als dann auch der letzte Rotweinselige in Wiesbachhornträume versinkt, beginnen die ersten tapferen Frühaufsteher sich von ihren komfortablen Lagern zu erheben. Husten, Rumpeln, Fluchen, Karabinerklirren.

Wer will da den Tag versäumen?

Der Wirt behält angesichts dieses Chaos Ruhe und Übersicht, wohl als einziger! 

Gruppe 1: Abmarsch
Gruppe 2: Antreten zum Frühstück
Gruppe 3: Decken falten
Gruppe 4: Anstehen vor den Toiletten

Schließlich hat auch der letzte Gipfelstürmer mit erhobenem Pickel die Hütte verlassen.
Selbige Reihenfolge dann auf dem Weiterweg.

Gruppe 1: auf dem Gipfel
Gruppe 2: in den Felsen unterhalb des Gipfels
Gruppe 3: auf dem Grat
Gruppe 4: in den Felsen oberhalb der Hütte

Erbauliche Bergeinsamkeit! 

In der Wiesbachhorn-Nordwand ein ähnliches Bild: Eiswandgeher perlen in formschöner Reihe von der Randkluft bis zum Gipfelkreuz.

Seilschaft 1: fünfzig Meter über Seilschaft 2
Seilschaft 2: fünfzig Meter über Seilschaft 3
Seilschaft 3: … usw. 

Auf dem Kaindlgrat würzen inzwischen Absteigender Nr. 5 und Aufsteigender Nr. 95 ihre Begegnung mit folgenden netten Bemerkungen:
Nr 5: „Habt ihr auch Platzkarten dabei?“
Nr. 95: „Wohl schlecht geschlafen, dass ihr die Ersten oben ward! Allein ward ihr trotzdem nicht!“

Und weiter geht die wilde Jagd auf den begehrten Dreitausender. Man genießt die grenzenlose Fernsicht, das sommerlich warme Wetter, tritt dem anderen aufs Seil, schubst den nächsten beinahe vom Grat, fotografiert Nr. 101 bis Nr. 104 in Gipfelstürmerpose und freut sich, Bergsteiger, d.h. Individualist zu sein.

Soweit das stille Bergerleben! 

Am Mooserboden dasselbe wie gehabt: in Omnibusse gepfercht, im Aufzug verfrachtet, wieder in Omnibusse geschlichtet, trennt man sich auf dem Parkplatz.
„Na, auch den Kaindlgrat gemacht? Was, drei Filme verschossen? Herrliche Tour!!

Vielleicht trifft man sich einmal wieder, vielleicht als Nr. 111 Oder Nr. 222 auf dm Weg zum Matterhorn. Vielleicht …

Nr. 999 steigt mit dem befriedigenden Gefühl ins Auto, einer weniger 1000 gewesen zu sein!

 

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