Ein Parkplatz in 1.700 m Höhe. Reifenquietschen, Türenschlagen, Hektik.Unter Begleitgeplärr aus dem Lautsprecher stürze ich in meine Schuhe, reiße die Ski vom Auto, Rucksack und Eispickel aus dem Kofferraum und eile los. Das Knallen der Autotür ist gleichzeitig der Startschuß für das sonntäglich stattfindende Wettrennen um dem imaginären „Gondelpokal“. Der ungekrönte Sieger wird mit etwas Glück das Panorama der Bergstation 5 Minuten früher genießen können.

Das Rennen tritt in die erste Phase.

Ich sprinte zur Kasse, reiße der ob des Ansturmes schon grimmig blickenden Verkäuferin die (im wahrsten Sinn des Wortes) kostbare Karte aus der Hand und rase zur Treppe. Mit gekonntem „Powerslide“ nehme ich die erste Kurve, nicht ohne einem hektisch Mithastendem einen „Bodycheck“ zu versetzen. Ein halsbrecherisches Überholmanöver endet beinahe mit einem Frontalzusammenstoß, bringt mich aber wertvolle Millimeter vorwärts. Mit wahnwitzigem Tempo fege ich um die nächste Ecke. Da aber die Fliehkraft bekanntlich größer ist, als die Bodenhaftung, laufe ich Gefahr, aus der Kurve, bzw. vom Balkon der Talstation zu stürzen. Im allerletzten Augenblick gelingt es mir, die Notbremse zu ziehen. Mit dumpfem Krachen lande ich am Geländer, bringe drei weitere Eilende zu Fall und löse so einen Massensturz aus.

Das Rennen tritt in die zweite Phase, den Stau!

Durch diesen Aufprall gebremst bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit der Meute wieder hochzurappeln. Der wilde Run geht in ein vorsichtiges Schleichen über. Ein langes, dürres Gespenst hält seinen zappelnden Gegner im Würgegriff. Ich versuche, mich behutsam durchzuzwängen. Als Antwort erhalte ich einen atemberaubenden Stoß in den Magen. Dieser Hieb wirft mich um eine ganze Familie zurück. Eine Gestalt im „Stars- and Stripes-Look“ schleicht von links heran und knallt mir seine LOWA-Air ans Schienbein, was mich zu einem Tarzanschrei veranlaßt. Doch verbissen halte ich mein Ziel im Auge: Die Gondel, umringt von einem Schwarm faschingsfarbig gekleideter Vierkabinenaspiranten. Plötzlich erkenne ich meine Chance: Die erste Gondel zieht die Aufmerksamkeit aller auf sich, aber die zweite? Völlig unbeachtet harrt sie der kommenden Minuten des Ansturmes, sobald die erste nicht mehr aufnahmefähig sein wird. Beherzt hechte ich zur Seite, als ich auch schon wieder die entgegengesetzte Richtung einschlage, unfreiwillig allerdings. Ein Angestellter dieser Massensportanlage hat mich entdeckt und mit Nachdruck in meine Schranken verwiesen, in derWorte ureigenster Bedeutung! Also stelle ich weitere geplante Attacken ein und analysiere den Beginn der dritten Phase des Rennens.

Resignierend, deprimiert und bis in den letzten Winkel meiner Seele gekränkt, lasse ich mich bewegen. Unfähig, inmitten dieses Eisenstangenkäfigs (Kurve rechts, Kurve links, lange Gerade) auch nur die Nase zu putzen, übe ich mich nunmehr in Geduld. Ich werde zum Stoiker. Eingeklemmt zwischen Ski, Nebenmann, Stöcken, Vordermann, Rucksack, Hintermann sinniere ich über meine Daseinsberechtigung als Skibergsteiger mit Seilbahnbenutzung. Durch mehr oder weniger Druck von hinten erreiche ich endlich die heißersehnte Gondel. Wieder zur Aktivität erwacht wuchte ich die Ski in die Halterung, treffe, wie erwartet, den Vordermann am Kopf, reiße den Rucksack herunter, nicht ohne den Hintermann mit der Pickelspitze zu gefährden und stolpere kämpfend und mit Stöcken um mich schlagend auf einen freien Platz.

Türenschlagen signalisiert das Ende des Rennens.

Aus wilden Bestien werden wieder Menschen. Entspannt lehne ich mich zurück und betrachte interessiert mein Gegenüber. Munter plaudernd erkennt jeder den Waffenstillstand an.:

Bis zur Mittelstation, bis wir wieder zu Gegnern werden...

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