Frei nach dem Titel von Karl Lukans Buch: „Hauptsach´, man weiß, wo der Berg steht“, brachen wir eines wunderschönen Spätherbsttages von München nach Rosenheim auf, um noch ein letztes Mal in dem Jahr Hand an den schon kühler werdenden Vorgebirgsfels zu legen.

Unser Ziel waren die sagenumwobenen Steinhügel namens „Kundl“ und „Backofen“.

Die äußerst mangelhafte Beschreibung im Kletterführer ließ allerhand Schlüsse zu. Sicher waren wir nur, daß „unsere“ Gipfel zum Stock des Heuberges gehörten, und den zu finden konnte ja nicht schwer sein.

Doch viele Wege führen nach Rom und nicht weniger auf den Heuberg!

Irgendwo und irgendwann zeigte uns ein arg verwittertes Schild „® Heuberg“, daß wir uns zumindest im richtigen Gebiet befanden. Nach einer reizvollen Bergaufwanderung durch duftenden Wald mit frisch geschlagenem Holz, vorbei an romantisch gelegenen Almen erreichten wir nach einem kurzen, anstrengenden Steilstück einen Sattel.
Nur, welchen Sattel?

Linker Hand in geringer Entfernung ein imposantes Gipfelkreuz auf einem Wiesenhang, rechts ein massives Felsgebilde. Wir beschlossen, zur besseren Übersicht zunächst den Wiesenbuckel zu erklimmen, denn das könnte immerhin der Heuberg sein (Wiese = Heu!). Oben angekommen, suchten wir vergeblich nach Aufklärung:
Gipfelbuch, Gipfelinschrift o.ä.
Nichts, rein gar nichts!

Wir blieben im Unklaren. Also hinüber zu den Felsen. Natürlich konnten wir nicht den normalen Weg benützen. Wir waren ja zum Klettern unterwegs! Sollten wir nun das Seil anlegen? Nicht, daß wir eines gebraucht hätten, aber wir wollten nun mal klettern! Die ganze Ausrüstung einen Tag lang im Rucksack herumschleppen, schien uns auch etwas verfehlt.

Als wir noch überlegten: Seil, ja oder nein - entdeckte ich in einem vermoosten Riß einen Haken. Wir waren hier nicht einmal die ersten Verrückten! Resigniert ließen wir unseren Demonstrationsplan zum Gaudium einiger Spaziergänger fallen und stiegen im IIer-Gelände rasch zum Gipfel.

Dass dieser Gipfel nicht Kundl und Backofen waren, wußten wir schon.

Doch wo befanden wir uns diesmal? Und wo Kundl, wo Backofen? Der leichteste Anstieg zu beiden sollte laut Führer mindestens ein IIIer sein! Nirgends konnten wir aber etwas Schwereres als überhängende Latschen entdecken.
Langsam glaubten wir, die sagenumwobenen Zwei seien vielleicht nur Phantasiegebilde einer märchenhaften Welt. An Phantasie fehlte es uns nicht.

In jedem erspähten Felsblock mittleren Ausmaßes sahen wir „die Zwei“!

Wir beschlossen kurzerhand, unseren augenblicklichen Gipfel Wasserwand zu nennen, was sich im Nachhinein als richtig herausstellte. Demnach mußte der bewaldete Hügel dort der Kitzstein sein. Wir beschlossen weiter, auch diesem Buckel einen Besuch abzustatten. Vielleicht würden wir dann weiter sehen. Durch unwegsames Gelände schleppten wir die Kletterrucksäcke, krochen im dichten Unterholz auf Wildwechseln entlang und kamen uns ganz schön dumm vor.

Hauptsache, man weiß, wo der Berg steht! Wir wußten es immer noch nicht, als wir den höchsten Punkt des von uns so benannten Kitzsteines erreichten.

Doch eine erstaunliche Neuigkeit: südseitig des bewaldeten Hanges fiel ca. 200 m senkrecht eine gewaltige Wand hinab. Der Höllwandpfeiler, ganz eindeutig. Wir standen tatsächlich auf dem Kitzstein! Nach dieser Lagepeilung konnte es ja nicht mehr schwer sein, „unsere“ Gipfel zu finden.

Zum dritten Mal an diesem Tag traversierten wir den Heuberg, diesmal in nordwestlicher Richtung.
Irgendwann rasteten wir am Fuße eines kleinen Felsblockes. Keine Frage, daß wir uns gegenseitig an Erstbesteigungen dieser grimmigen 8m-Wand übertrafen. Man hätte meinen können, wir wären nur zu diesem Felsen gekommen, so wild kletterten wir darauf herum,, natürlich ohne Seil. Mittlerweile scheuten wir uns, irgendjemand merken zu lassen, daß wir hier mitten im Wald an einem Kletterausflug dachten! Nachdem wir diesen Monsterblock von allen Seiten erklommen hatten, führten wir unsere Heubergüberschreitung auf der Suche nach den zwei Bergen fort. Zwei Berge, die wir nicht fanden!

Dort, dort sind sie! Triumphierend brüllte ich los. Tatsächlich ragten aus dem Wald zwei Gipfelchen, deren Normalanstieg etwas schwieriger aussah als alles bisherige. Nichts wie hin! In dem sicheren Gefühl, endlich unsere Ziel erreicht zu haben, stürmten wir auf die zwei Kleinstberge zu. Nach kurzer, brüchiger Kletterei fanden wir uns zwar auf dem vierten bzw. fünften Gipfel dieses Tages, doch leider immer noch nicht auf der Kundl und auch nicht auf dem Backofen.

Jetzt gaben wir auf. Von hier oben sah aber auch wirklich alles ein wenig märchenhaft aus.
Bizarre Felsformationen, latschenbesetztes Gestein umgeben von dunklem Wald und tief unten das glitzernde Band des Inns.

Vor uns noch ein letzter Gipfel, vermutlich die Kindlwand.

Wir berannten gerade die Diretissima, als wir über uns aufgeregte Stimmen hörten: „Hallo, der richtige Weg geht weiter unten rechts herum!“ - und als wir keineswegs ängstlich nach oben grinsten: „Oder wollt ihr da herauf??“ Nach einigen Minuten am Gipfelkreuz klärten sie uns auf, daß den von uns gewählten Weg sonst nur solche mit Helm und Seil gingen! Unser Seil lag derweil unten im Wald versteckt. Ich hatte diesmal gestreikt, auch noch auf den letzten Hügel die gesamte Kletterausrüstung spazieren zu tragen.

Der interessante Abstieg, übrigens der verschmähte Normalweg, führte durch ein riesiges Loch mitten durch den Berg. Im Wald nahe der versteckten Rucksäcke fanden wir dann endlich einen Wegweiser. Nun wußten wir, wo Kundl und Backofen waren: Viel weiter unten, viel weiter weg! Zu weit weg! Wieso? Wir hatten die ganze Tour von der falschen Seite aufgerollt! Unser Auto stand nordöstlich des Heuberges, Kundl und Backofen dagegen südwestlich. Dazwischen dehnten sich ganz eindeutig einige Kilometer Luftlinie!

Hauptsach’, man weiß, wo der Berg steht! Jetzt wußten wir es! Und wir wußten noch eines: Wir würden wiederkommen. Das Gebiet rund um den Heuberg lohnt schon einen zweiten Versuch.

Während die sinkende Sonne das Inntal verzauberte, fuhren wir noch einmal um den ganzen Bergstock herum bis zur imposant aufragenden Höllwand und begeisterten uns an erdachten Sagen und Geschichten um Kundl und Backofen, von Hexen und Räubern, die dort umherirren, um zwei Gipfel zu suchen, die sie nicht finden können.

Zwei davon gibt es bestimmt ...

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