Eine Schnapsidee - am Mittwoch geboren, am Samstag verwirklicht! Nur ein Wochenende, nur zwei Tage Zeit hatten wir für den „unlogischsten Berg der Alpen“.

Mit viel Überredungskunst begeisterte ich einen Partner, der meine Verrücktheit und das Benzingeld mit mir teilte. Wir waren verrückt, verrückt nach einem Berg mit klangvollem Namen wie Glockengeläut:
Campanile di Val Montanaia.

Als wir am Samstagmorgen in Richtung Longarone aufbrachen, dachten wir keinen Augenblick daran, daß die weite Fahrt von München nach Cimolais vielleicht umsonst sein könnte. Zu groß war der Wunsch, auf diesem seltsamen Berg zu stehen.

Nach vielen Stunden anstrengender Fahrt teilte man uns in Cimolais mit, daß wir vom Fuße des Campanile noch etwa 14 Kilometer entfernt waren. Auf diesem Schock folgte aber sofort die beruhigende Nachricht, es sei nicht verboten, soweit als möglich mit dem Auto zu fahren - aber mit dem Auto ...

Kopfschüttelnd und zweifelnd blickte man uns nach, als wir in einer Staubwolke verschwanden. Nach dem Motto: Der Wagen muß rollen, bis die Achse bricht, gelangten wir tatsächlich - und ohne größere Schäden - zum Ende der Straße und somit zum Beginn des Anstieges.

Wo aber war der großartigste aller Campanile?

Wir standen inmitten hoher Berge und wußten nicht, ob rechts, ob links. Laut Karte mußte er irgendwo da hinten links liegen bzw. in den Himmel ragen. Na ja, am Morgen würden wir weiter sehen!

Kaum hatten wir das Zelt aufgestellt, da begann es zu tröpfeln. Ein Irrtum? - Gewaltiger Donnerschlag überzeugte uns davon, daß wir keinem Irrtum unterlagen.

Vor lauter Euphorie war uns der Gedanke an Wetterverschlechterung gar nicht in den Sinn gekommen. Schöne Bescherung!

Der Freund versuchte sich und mich gleichermaßen mit der Behauptung zu trösten, es handle sich bestimmt nur um Gewitterreste, und morgen lache die Sonne vom Himmel.

Bei soviel Optimismus schloß sogar der Wettergott einen Kompromiß: Zwar schien anderntags nicht die Sonne, aber es regnete auch nicht! Nur dicke Nebelschwaden begleiteten uns beim Aufstieg durch das steinige Kar. Und der über alles gepriesene Berg?

Wir hatten ihn noch immer nicht zu Gesicht bekommen. Hartnäckig stiegen wir höher. Weit konnte es nicht mehr sein. Plötzlich riß die Wolkendecke auf und gab direkt vor uns ein wildaussehendes Felsgebilde frei. Wie ein Traumbild wuchs der Turm in den Himmel. Himmel? Von Himmel keine Spur! Der Gipfel war irgendwo in dem dichten Grau. Trotzdem identifizierten wir Knödelüberhang und Ringband.
Dies war unser Ziel, der Campanile di Val Montanaia!

Einstieg, anseilen, Wortwechsel. Erwartungsvoll stürmte ich los. Doch schon nach einigen Metern wurde mir die unsagbare Einsamkeit um mich herum bewußt. Eine bedrückende Hilflosigkeit ergriff von mir Besitz. Überall wehende Wolken, unter mir brodelnde Tiefe; das Seil zum Partner verlor sich im Nebel.

Mein Ruf „Nachkommen!“ klang seltsam hohl. Erleichtert sah ich den roten Helm an einer Kante auftauchen und draunter ein grinsendes Gesicht: „Wenn der verflixte Nebel nicht bald verschwindet...!“

Kaum ausgesprochen, geschah das Unglaubliche: Petrus hatte ein Einsehen mit den zwei winzigen Menschlein da in der Wand und riß mit kräftiger Hand die Wolkendecke beiseite. Zum erstenmal erblickten wir nun den gesamten Routenverlauf und - noch zwei winzige Menschlein über uns!

Der nächste Standplatz führte uns zusammen. Ergebnis: deutsch-italienischer Seilverhau! Daß wir beide denselben Haken zum Sichern brauchten, war uns schon klar. Doch wie dem anderen erklären, daß er unseren Karabiner mitbenutzen solle, wenn man kein Wort italienisch kann? Lächeln, deuten, Schulterzucken - Deuten, Strahlen, heftiges Nicken! Eine deutsch-italienische Konversation hatte begonnen.

Kamin, Cozziriß, Felsband, Verschneidung. Der Gipfel beendete ein regelrechtes Wettklettern: Sieg für Italien! Der zweite Platz ging an Deutschland! Doch der Handschlag bei der Gipfelglocke zeigte uns, daß wir ohne Rücksicht auf Stand und Nation die gleiche Leidenschaft teilten. Wir waren Bergsteiger ganz gleich aus welchem Land!
Gemeinsam ließen wir die Glocke tönen, gemeinsam fuhren wir am deutsch-italienischen Seil die Tito-Piaz-Piste hinunter, um uns lachend mit Nicken, Deuten und Winken zu trennen.

So viele Kilometer waren wir gefahren, um zweieinhalb Stunden zu klettern. Wir hatten dazugelernt; mehr gelernt, als man in vielen Tagen lernen kann: Freundschaft kennt keine Grenzen, Freundschaft spricht nur eine Sprache.

In wilden Sprüngen jagten wir das Kar hinunter. Nur einmal blieben wir stehen und blickten zurück zu dem Unlogischen, zu dem Formschönen, zu dem Klangvollen: Campanile di Val Montanaia!

Leise wehte der Wind eine Melodie zu uns herunter. Einbildung, Vision, Traum? Nein, nur eine weitere Seilschaft, die am Gipfel die Glocke läutete. Doch der Berg hüllte sich von neuem in dichte Wolken. Diesmal hatten die Nebelschwaden nichts Erschreckendes, denn die Campanile-Melodie begleitete uns.

Sie war noch um uns, als es bereits zu regnen begann. Und als wir dann tropfnaß im Auto saßen, wildrauschende Sturzbäche überquerten und durch prasselnden Regen heimwärts fuhren, da war sie immer noch um uns, in uns, die Campanile-Melodie - Melodie der Berge, der Freundschaft, der Freiheit, Melodie des Lebens ...

Vierzehn Stunden Fahrt für zwei Stunden Klettern und nicht einmal Sonnenschein:
Ich würde keine Sekunde zögern, es wieder zu tun!

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