(Aus der Sicht des Prüflings)

 

 

Der erste Teil meiner Ausbildung zum Hochtourenführer des DAV begann schon recht aufmunternd: es regnete bereits zwei Tage lang in Strömen, so daß sich der Weg von Leutasch über den Schachen auf die Meilerhütte in ein reißendes Bachbett verwandelt hatte.

Anfangs trockenen Fußes (ein Bergschuh hält halt, was der Name verspricht, noch dazu, wenn er nagelneu und frisch gefettet ist!) stapfte ich durch den dichten Regenvorhang, sah weder Berg noch Fels, nur nasse Wiesen und triefende Bäume.

Vom Schachen bis zur Meilerhütte wurde die Szenerie noch anheimelnder: dichte Nebelschwaden verhinderten den romantischen Talblick und was noch viel schlimmer war, der neue Schuh streikte. Dumpfes Platsch, Schlürf zeigte überdeutlich, daß auch ein neuer Schuh nicht gewillt ist, den abwärtsschießenden Wassermassen standzuhalten.

Irgendwann wurde es dann grimmig kalt und als ich die Hütte schemenhaft über mir auftauchen sah, fielen die ersten Schneeflocken. Und das am 31. Juli!

Erst jetzt fiel mir auf, daß mir während meines Regenspazierganges niemand begegnet war. Laut Liste sollten doch mindestens 20 Kandidaten antreten. Es war doch Sonntag, der 31. Juli? - Aber bei diesem Wetter lockt man ja auch keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

Eine eisige Stimmung herrscht dann auch in der eiskalten Stube der Meilerhütte. Einige wenige betrachteten mich Eindringling abschätzend. Ziemlich eingeschüchtert suchte und fand ich eine trockene Decke und verkroch mich an den ungeheizten Ofen in der Hoffnung, der Gedanke an heiße Kacheln könnte erwärmend wirken.

So nach und nach tropften dann neue Gestalten in die gute Stube, kaum freundlicher empfangen als ich.

Erst als mich jemand grinsend und regentropfensprühend mit „Ja, bist du auch da!“ begrüßte, wurde mir wärmer, zumindest ums Herz!

Unsere Ausbilder, man staune, waren plötzlich auch da und organisierten bei dem ebenso plötzlich in Erscheinung tretenden Personal ein heißes Essen.

Unser Kurs glich einer okkulten Sitzung, wie wir da so schweigsam suppelöffelnd, in Decken gehüllt, um den langen Tisch herumsaßen. Nur das Tellerklappern paßte eher zur Abspeisung eines Mönchsordens, als zu spiritistischen Geheimnisträgern.

Es folgte dann die Vorstellung der einzelnen mit Hinweis auf die Veranlassung zur Teilnahme des Kurses.

Dass sich dabei die Jugendarbeit herauskristallisierte, sei keineswegs verwunderlich. Schließlich soll das Führerwesen sich vorerst an die nachwachsende Generation wenden, um denen weiterzuhelfen, die noch der Einweisung ins Bergsteigen bedürfen. Ganz nebenbei sollten die routinemäßigen Führungstouren für Gruppen jeden Alters durchführbar sein.

Wie viel Neues aber auch wir Hochtourenführeraspiranten lernen mußten und durften, war uns an diesem ersten Abend noch nicht im entferntesten klar.

Der nächste Tag begann äußerst winterlich: Vor der Hütte lag etwa 30 cm Neuschnee und die Flocken wirbelten immer noch durch die beißendkalte Augustluft. In Anbetracht der noch triefenden Kleidung beschlossen die Ausbilder, uns mit theoretischem Wissen vollzupfropfen.

Gesagt, getan.

Wir bekamen an diesem ersten Ausbildungstag gleich den richtigen Eindruck, nämlich: wir Bergsteiger waren bis jetzt zwar aktiv gewesen, aber im Grunde wußten wir schlechthin gar nichts. Daß sich diese Tatsache schnell änderte, dafür sorgten die unermüdlich Vortragenden.

Am Abend dieses Tages surrte uns der Kopf von lauter neuen Dingen wie Methodik, Wetterkunde, Materialkunde und ähnliches. Jeder hatte schon vorher einiges gehört oder gewußt, doch keiner hatte geglaubt, daß soviel detailliertes Wissen nötig sei, um eine Gruppe Leute in die Berge zu führen.

Trotz weiteren Schneefalls mußten wir tags darauf in die Kälte. Praktische Übung an den Kletterbrocken unterhalb der Hütte zeigten die mehr oder weniger großen Fähigkeiten der einzelnen am vereisten Fels.

Da Steigeisen und Pickel erst eine Woche später im Ötztal vorgesehen waren und dies ja die Felsausbildung sein sollte, taten wir uns denn auch gehörig schwer, die Tritte und Griffe im verschneiten Gelände auszubuddeln. Doch dabei wurde uns endlich einmal richtig warm und die Stimmung stieg.

Nachmittags vorurteilte man uns wieder zur Theorie.

Am Abend wurde das Essen schlechter, das Wetter besser! Das verhieß am nächsten Tag die erste größere Tour.

Da ja rund um die Meilerhütte winterliche Verhältnisse herrschten, beschlossen unsere „Treiber“, uns ins Oberreintal zu jagen, um dort unser Können am Fels zu testen.

Das abendlich angekündigte Schönwetter hielt Wort, und so brachen wir am Morgen schon ziemlich früh auf. Jeder Schritt durchs Frauenälpl zum Oberreintal hinunter führte uns mit aller Deutlichkeit vor Augen, wie strapaziös unser abendlicher Aufstieg werden würde.

Doch wir mußten hinab. Befehl ist Befehl!

Lag es am Lehrer, lag es an uns, lag es am Weg - wir lernten auch hier wieder eine ganze Menge, ganz nebenbei, sozusagen im Plauderton! Auch die folgenden zwei Klettertouren wiesen uns Seillänge für Seillänge darauf hin, daß wir angehenden Hochtourenführer noch schrecklich fehlerhaft arbeiteten. Aber unser Ausbilder war stets geduldig und hilfreich. Wir hatten kaum den Eindruck, korrigiert zu werden. Vielmehr wurde in uns der Wunsch immer größer, alles besser, sicherer und korrekter zu machen. Auch eine Art, Leute zu führen und bestimmt nicht die schlechteste!Vor dem pädagogischen Geschick unseres „Lehrmeisters“ mußten wir uns kommentarlos beugen.

Da wir zwanzig auf vier „Meister ihres Faches“ aufgeteilt waren, konnten wir Schüler auch Vergleiche ziehen. Mit dem zweideutigen Ergebnis: auch Ausbilder sind nur Menschen! Wie glücklich konnten wir uns schätzen, einen der Besten bei „unserer“ Gruppe zu haben. Das bestätigte sich wiederholt, nicht zuletzt bin der Prüfung.

Der abendliche Aufstieg hielt, was der morgentliche Abstieg versprochen hatte: grausame Plagerei durch latschen- und grasdurchwachsenen Schotter. Ein echtes Erlebnis!

Eigentlich war keiner so recht begeistert, als es am nächsten Morgen wieder hieß: hinunter ins Oberreintal!

Wo es doch rund um die Meilerhütte genauso schöne Wände gab. Es half keine Verzögerungstaktik, kein Versteckspiel. Jeder mußte mit. Und klagen hätte sich sowieso niemand gewagt.

So ganz nebenbei erzählte uns der gestrenge Prüfer, daß die Kletternoten unter anderem auch heute wieder vergeben würden.

Nach der ersten IVer Tour atmete ich auf. Zum Glück war mir das Führen erspart geblieben. Leider freute ich mich zu früh. Voll stillen Genusses betrachtete unser Ausbilder die in der Nachmittagssonne liegenden 11 Seillängen der Westwand des Oberreintalturmes. Nach einem Blick auf unsere abgekämpften Züge hätte jeder menschlich veranlagte, verantwortungsvolle Bergführer jetzt zum Rückmarsch geblasen.

Nicht so unser Freund!

Auf geht`s, wer führt freiwillig?
Was soll ich sagen: ich war auch noch verrückt genug, mich zu melden. Irgendwann kommt ja jeder mal dran.
Kommentar zur Durchkletterung dieser wirklich genußvollen Wand: lehrreiche Leuteschinderei. Um 6 Uhr auf dem Gipfel schwor ich mir, nie, nie wieder eine Dreierseilschaft zu führen!

Als wir ermattet den Aufstieg durchs Frauenälpl begannen, dämmerte es bereits. All unsere Gedanken gipfelten verständlicherweise nur in einem Wort: Meilerhütte! Mit jedem Schritt aufwärts wurde sie in unserer Phantasie schöner, gemütlicher, anheimelnder.

Nirgends gab es weichere Betten, nettere Leute, exklusiveres Essen!

Doch als wir in tiefster Finsternis zur Hütte stolperten, wurden wir rasch eines Besseren belehrt. Unser Abendmahl einschließlich vielbelästertem „Chemiepudding“ ließ sogar die hungrigsten Mägen streiken. Von morgens 6 Uhr bis abends 21 Uhr unterwegs und dann solch ein „Fraß“!

Abschluss dieses erlebnisreichen Tages war der Besuch des Ausbildungsreferenten des DAV. Leider sah er sich seinen Äußerungen immer öfter gähnenden Mündern gegenüber, was er aber verständnisvoll übersah und uns bald in unsere Kojen klettern ließ.

Am nächsten Tag, ein Freitag, zeigte sich von neuem das pädagogische Geschick unseres Ausbilders: wir mußten nicht ins Oberrreintal absteigen! Sollte es bis dahin in unserer Gruppe noch einen gegeben haben, der noch nicht gut Freund mit unserem geschickten Lehrmeister war, so wurde er an diesem Tag vollends überzeugt.

Wir lernten im leichten Klettergelände auf interessanteste Art und Weise, Seilgeländer zu bauen. Überraschend stellten wir plötzlich fest, daß wir uns bereits auf dem Heimweg befanden. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein heftiges Gewitter hereinbrach.

Während der Regen an die Scheiben des Hüttenfensters prasselte, überhäufte man uns wieder mal mit Theorie: Erste Hilfe, Bergrettung, Organisation, Materialkunde. Unsere Mitarbeit zeigte, daß das Interesse in dieser Woche bestimmt geweckt worden war. Der kollegiale Ton unter Gruppe und Vorgesetzten führte zu echter Zusammenarbeit.

Tags darauf wurde der erste Kursteil, die Kletterwoche, mit leichten Übungen und einem anschließenden Wettklettern beendet.

In bester Stimmung stieg etwa die Hälfte der Teilnehmer bei herrlichem Wetter (zum ersten Mal seit Kursbeginn) ab, um noch einen gemütlichen Abend bis zum Einpassieren des Eisteiles am Sonntag auf dem Taschachhaus im Ötztal zu erleben.

Ganz nebenbei sehnten wir uns nach einer gründlichen Wäsche!

Doch zuerst verschlangen wir ein richtig gutes, umfangreiches Abendessen. Danach hatten wir natürlich zu wenig Geld für eine Hotelübernachtung. Also quartierten wir uns in einem Heustadel ein und schliefen satt und zufrieden, bis der Morgen graute.


Der Zweite Teil auf dem Taschachhaus mit Thema Eisklettern verlief ebenso abwechslungsreich und brachte nach dem 3. Teil, der Prüfung, einige leidenschaftliche "Schmalspur-Bergführer" hervor, die vielen Leuten die Freude an schönen Bergerlebnissen möglich machten.

Zum Seitenanfang
JSN Blank template designed by JoomlaShine.com