Tödlicher Absturz im Karwendel.
Alleingeher wurde nach zweitägiger Suche tot geborgen. 

Diese Schlagzeile erhitzte die Gemüter vieler Bergsteiger und Nichtbergsteiger. Worte wie Leichtsinn, Verantwortungslosigkeit, Überheblichkeit, Vermessenheit wurden einfach in den Raum geworfen. Was mich dabei erschütterte, ist die Tatsache, dass keiner auch nur den Versuch einer Rechtfertigung wagte. Der Einzelgänger wurde einfach verurteilt. Punktum! Besonders schlimm wurde ihm noch angekreidet, dass die Bergwacht ausrücken musste. 

Nicht ein einziger von diesen schien über die Frage: „Alleingehen, ja oder nein?“ je nachgedacht zu haben. 

Einzeln darauf angesprochen, antwortete man mir mit: „Trifft auf mich nicht zu!“ „Bin doch nicht verrückt!“ „Nein.“ „Alleingehen, das wäre ja Selbstmord.“ „Ich habe schließlich Familie.“ usw. usw. Es gibt sie aber doch. Zwar immer in der Minderzahl (das wird sich kaum ändern), sind sie aber beständig vorhanden. Man sollte daher erst darüber nachdenken, bevor man vorschnell mit einem Urteil (ob falsch oder richtig, wer wagt das zu sagen!) bei der Hand ist.

Grundsätzlich also NEIN zum Einzelgänger? 


Warum ging der Abgestürzte allein?

  • Ging er allein, weil er gerade an diesem Wochenende keinen passenden Partner fand?  Die Entscheidung, in einem solchen Falle allein loszuziehen, muss man dem Einzelnen überlassen. Auf keinen Fall ist ein Start allein von vorneherein zu verurteilen. Wie oft fällt der Seilgefährte aus (gleich aus welchen Gründen) und man steht vor der Wahl, das Wochenende zu Hause zu verbringen oder eben allein aufzubrechen.
  • Reizte ihn die Gefahr, das Risiko, das Unkalkulierbare? Sicher wird niemand zum Einzelgänger, nur weil er die Gefahr liebt, weil es ihn begeistert, ungesichert und riskant zu steigen. Ganz ausschließen darf man aber einen gewissen Nervenkitzel nicht. Wer allein geht, trägt ein höheres Risiko, steigert also die Gefahr eines Absturzes. So gesehen, eine umstrittene Tatsache. Inwieweit ist er verantwortlich? Wem gegenüber? Darf er um den Einsatz seines Lebens dem Reiz des riskanten Abenteuers unterliegen? Keiner von uns kann ihn deshalb verdammen. Auch wir sind gegen die menschliche Schwäche des Gefahrenanreizes nicht gefeit.
  • Dazu kommt die Herausforderung der eigenen Stärke. Es bedeutet doch für jeden eine ungeheure Selbstbefriedigung, im Kampf gegen das eigene Ich, gegen Angst, Schwäche, Unmut siegreich zu sein. Jeder Sieg über eine schwierige Passage bleibt ein Sieg über sich selbst. Das gilt natürlich in vermehrtem Maße für den Einzelgänger. Bei ihm fordert der Faktor Einsamkeit noch besonderes Durchhaltevermögen. Nur ein ausgeglichener Mensch sollte und kann sich mit der Problematik des Alleinsteigens auseinandersetzen. Eine Tour durchgeführt ohne Partner, ohne Ansprache, den subjektiven und objektiven Gefahren allein gegenübergestellt, bringt dem, der das erträgt, sicher Gewinn. Er wird härter, erfahrener. Das Erfolgserlebnis steigert sich beim Alleingeher sicher um ein Vielfaches als in einer Seilschaft.
  • Ging er allein, um rascher vorwärts zu kommen? In diesem Fall treffen die ebengenannten Faktoren kaum zu. Die Tour beinhaltet dann den Trainingseffekt, fördert Sicherheit und Konzentration. Ich glaube nicht, dass hierzu Argumente des Widerspruchs laut werden können. Trat bei ihm etwa der bloße Ehrgeiz in den Vordergrund? Dann sollte sich der Einzelgänger in jedem Fall der Verantwortung Dritten gegenüber klar werden. Rechtfertigt ein verbissener, gesteigerter Ehrgeiz, Eigensinn oder Überheblichkeit das erhöhte Risiko? Das muss jeder selbst entscheiden. Der Alleingänger trägt das Risiko ja auch allein! Eine Folge der Selbstüberschätzung endet meist tödlich, gefährdet aber in keiner Weise andere. Wenn dies der Abgestürzte wusste und dennoch sein Vorhaben durchführte, so kann man ihn deshalb nicht verurteilen. Sein Einsatz war hoch. Ob er´s wert war? Wir können ihn leider nicht mehr fragen. Erfolgreichere Alleingeher behaupten jedenfalls, dass dieser Einsatz lohnt!

War der Abgestürzte in der Lage, allein zu gehen?

Hatte er das Können, die nötige Ausrüstung? Abgesehen von den moralischen Bedenken des Einzelbergsteigens nun zu den primären Voraussetzungen. Konnte er eine Route allein durchführen aufgrund seiner Erfahrung, seiner Belastbarkeit (physisch und psychisch), seiner Ausrüstung und der Überschaubarkeit der Lage? Treffen diese Punkte alle zu, so spricht nichts gegen ein Einzelunternehmen.

Warum war er abgestürzt?

Wäre ihm das in einer Seilschaft nicht passiert? Vorausgesetzt, er hatte die Fähigkeit, allein zu gehen, war bestens ausgerüstet, hatte sorgfältig geplant, warum war er dennoch abgestürzt? Hätte ein Seil den Sturz verhindert? Wenn z.B. ein Griff ausbrach, ja. Wenn ihn Steinschlag traf, vielleicht, vielleicht auch nicht. Ein ausbrechender Griff oder Tritt bleibt nie ohne Folgen. Während in einer Seilschaft die Wahrscheinlichkeit besteht, den Sturz zu überleben (oft aber mit bösen Verletzungen), endet ein Absturz bei Alleingehern beinahe immer tödlich. Deshalb muss der Einzelgänger ganz besonders vorsichtig in der Wahl der Haltepunkte sein. Eine Überprüfung einmal mehr als nötig, rettet ihm vielleicht das Leben. Während hier ein Seil die Sicherheit in jedem Fall erhöht, kann bei Steinschlag nicht grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass ein Seil den Absturz verhindert hätte. Wie oft schon zerschlug eine Steinschlagsalve das Seil in viele Stücke. Trifft den Einzelgänger ein Stein und wird er nicht tödlich getroffen, so besteht natürlich noch die Gefahr, dass er, vielleicht schwer verletzt, sich nicht selbst aus seiner unangenehmen Lage befreien kann; was in einer Seilschaft immerhin leichter ist. 

Ist ein Einsatz der Bergrettung (oft unter erschwerten Bedingungen) in so einem Falle gerechtfertigt?

Darf man den Männern der Bergwacht zumuten, bei einem Einsatz zur Bergung eines Alleingehers das eigene Leben zu riskieren? Das führt unweigerlich zur Frage nach dem Wesen der Bergrettung. Sobald es möglich ist, ein Menschenleben zu retten, sind diese Männer verpflichtet zu helfen. Dass sie dabei nicht selten weit über ihre Pflichten hinausgehen und trotzdem helfen, wenn auch oft Leichtsinn und Selbstüberschätzung die Ursache eines Unfalles waren, ist hinreichend bekannt, steht aber auf einem anderen Blatt. Warum sollte es ein Unterschied sein, ob es sich um die Bergung vieler oder nur eines - ganz gleich, ob leichtsinnig oder unglücklich abgestürzten - Einzelgängers handelt? Zumal man ja vor Beendigung des Einsatzes nicht weiß, ob eine Rettung noch erfolgreich ist oder nicht. 


Zusammenfassend kann man also durchaus sagen, dass es bei der nötigen Vorsicht und bei der Beachtung aller subjektiven Gefahren keineswegs zu verurteilen ist, alleine zu gehen. Fest steht jedoch, dass das Risiko eines Einzelgängers ein vielfach höheres ist als das in einer Seilschaft. Der Alleingehende muss sich der möglichen Folgen bewusst sein. Unter Berücksichtigung der genannten Faktoren steht es dann aber jedem frei, sich für oder gegen das Alleingehen zu entscheiden.

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